Zur Jahresmitte lohnt der nüchterne Blick auf die Zahlen. Fünf Werte zeigen in wenigen Minuten, ob die Praxis finanziell auf Kurs ist.
Das erste Halbjahr ist vorbei, und für die meisten Praxen lief der Alltag wie immer: volle Wartezimmer, gut getakteter Behandlungsplan, am Abend ein zufriedenes Team. Ob die Praxis auch finanziell auf Kurs liegt, lässt sich daran allerdings nicht ablesen. Dafür braucht es einen Blick auf die Zahlen. Die gute Nachricht: Fünf Kennzahlen genügen, um die Lage zur Jahresmitte einzuordnen.
1. Liquiditätsreserve
Die wichtigste Frage zuerst: Wie viele Monate könnte die Praxis ihre Fixkosten decken, wenn die Einnahmen vorübergehend wegbrechen? Als Faustregel gelten zwei bis drei Monatskosten als Puffer. Wer darunter liegt, sollte das nicht ignorieren, sondern bewusst gegensteuern, etwa über Rücklagen oder eine Betriebsmittellinie.
Richtwert: Als Polster gelten verbreitet zwei bis vier Monats-Fixkosten, vorsichtige Berater empfehlen drei bis sechs Monatsumsätze. Bei rund 40.000 € Monatsumsatz entspricht das einer Reserve in der Größenordnung von 120.000 bis 240.000 €. Für KV-Praxen sinnvoll: ein Pufferkonto, das die quartalsweisen Abrechnungszyklen glättet.
Quellen: BestPraxis, Finanzskalpell
2. Materialkostenquote
Material und Labor gehören zu den größten variablen Kostenblöcken. Setzen Sie diese Ausgaben ins Verhältnis zum Umsatz und vergleichen Sie den Wert mit dem Vorjahreszeitraum. Steigt die Quote, ohne dass der Umsatz mitwächst, schmälert das direkt den Gewinn. Oft liegt es an gestiegenen Einkaufspreisen oder an Konditionen, die seit Jahren nicht verhandelt wurden.
Richtwert: Im KZBV-Jahrbuch entfallen auf „Material für Praxis und Labor“ im Schnitt rund 8 % der Betriebsausgaben. Bezogen auf den Umsatz liegt die Materialquote je nach Leistungsspektrum meist zwischen 6 und 11 %. Praxen mit hohem Privat-, Endo- oder CEREC-Anteil liegen tendenziell höher.
Quellen: zm-online 06/2026, bookedoutdentist (KZBV)
3. Personalkostenquote
Das Team ist der größte Hebel, im Guten wie im Kritischen. Liegt der Personalaufwand im branchenüblichen Rahmen, gemessen am Umsatz? Eine steigende Quote ist nicht automatisch schlecht, wenn sie auf Wachstum oder neue Leistungen einzahlt. Sie sollte aber eine bewusste Entscheidung sein und kein schleichender Trend.
Richtwert (Zahnarztpraxis): Personal ist mit rund 43 % der gesamten Betriebsausgaben der größte Kostenblock. Auf den Gesamtumsatz bezogen liegt die Quote laut KZBV-Jahrbuch 2023 bei knapp 30 %, auf den fremdlaborbereinigten Honorarumsatz bei etwa 28 bis 38 % (Orientierungswert rund 35 %).
Richtwert (Arztpraxis): Über alle Fachgruppen rund 30 %, von etwa 27 % in kleineren Einzelpraxen bis rund 35 % in großen Berufsausübungsgemeinschaften.
Quellen: zm-online 06/2026, rebmann-research
4. Umsatz je Behandlerstunde
Diese Kennzahl zeigt, wie produktiv die verfügbare Behandlungszeit genutzt wird. Sie macht sichtbar, ob Terminausfälle, ein ungünstiger Leistungsmix oder Leerlauf am Stuhl Erträge kosten. Schon kleine Verschiebungen im Tagesplan summieren sich über das Jahr zu spürbaren Beträgen.
Richtwert: Der Honorarumsatz je Behandlerstunde (ohne Prophylaxe und Eigenlabor) liegt im Schnitt bei rund 250 bis 280 €, gut organisierte Praxen erreichen über 350 €. Als Orientierung für einen durchschnittlichen Gewinn gilt ein Honorarumsatz von etwa 334 € pro Stunde. Zum Vergleich: Die Praxiskosten je Inhaberstunde lagen im Bundesschnitt zuletzt bei rund 200 €.
Quellen: ZWP online, IWW
5. Offene Forderungen
Erbrachte Leistungen, die noch nicht bezahlt sind, binden Liquidität. Prüfen Sie, wie hoch die Außenstände sind und wie lange es im Schnitt bis zum Zahlungseingang dauert. Lange Zahlungsziele und säumige Zahler lassen sich mit klaren Prozessen und konsequentem Mahnwesen deutlich verkürzen.
Richtwert: Ohne vereinbarte Frist kommt ein Privatpatient nach § 286 BGB spätestens 30 Tage nach Rechnungszugang in Verzug, das markiert die Obergrenze für ein gesundes Zahlungsziel. Zur Einordnung der Forderungslaufzeit (Days Sales Outstanding): Bei privaten Kliniken liegt die DSO bei rund 44 Tagen. Wer Außenstände schneller drehen will, kann über strukturiertes Mahnwesen oder Factoring (Gebühren meist 0,65 bis 3 % des Rechnungsbetrags) nachsteuern.
Quellen: ra-zimmermann.net, highradius (DSO)
Vom Kennzahlen-Check zur Entscheidung
Der eigentliche Wert dieser fünf Zahlen liegt nicht in der Momentaufnahme, sondern im Vergleich über die Zeit. Wer sie regelmäßig im Blick hat, erkennt Trends früh und entscheidet auf Basis aktueller Daten statt auf Bauchgefühl. Voraussetzung ist, dass die Zahlen jederzeit verfügbar sind und nicht erst zum Quartalsende mühsam zusammengetragen werden müssen.
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